OTS: Börsen-Zeitung / Carpe diem, Kommentar zur Lufthansa von Heidi Rohde

Tuesday, 25. January 2022 19:35

Carpe diem, Kommentar zur Lufthansa von Heidi Rohde

Frankfurt (ots) - Seit langer Zeit sucht die Deutsche Lufthansa nach einer guten

Gelegenheit in Italien. Und seit langer Zeit durfte sie stets sicher sein, mit

offenen Armen empfangen zu werden. Denn die über Jahrzehnte notorisch defizitäre

Alitalia gewann auch mit milliardenschweren staatlichen Kapitalspritzen und

selbst unter den Fittichen von Etihad nie eine Flughöhe, die den italienischen

Steuerzahlern Hoffnung machen konnte, dass die stetigen Stützungsmaßnahmen ein

Ende haben könnten. Allerdings war die Lufthansa nie bereit, in die Bresche zu

springen, um ihrerseits Geld in ein Fass ohne Boden zu pumpen.

Letztlich zog der italienische Staat doch die Reißleine und schuf damit die

Voraussetzungen, an die die Lufthansa stets einen Einstieg geknüpft hatte: Die

Alitalia-Nachfolgerin Ita warf nicht nur die Schulden der Vorgängerin ab,

sondern startete mit deutlich schlankerer Kostenbasis. Mit einem finanziell

schlagkräftigen Investor wie der Containerreederei MSC an ihrer Seite heißt es

für die Lufthansa nun: Carpe diem. Sie hat die Chance, frühzeitig in die

strategische und operative Ausrichtung von Ita einzugreifen und die Airline in

das Konzernnetzwerk einzubinden.

Zubringerflüge für die MSC-Nischensparte Kreuzfahrten dürften dabei von ganz

untergeordneter Bedeutung sein. Italien ist gleichwohl ein lukrativer Markt für

den touristischen Luftverkehr, wobei die Schwäche von Alitalia über Jahre zum

Einfallstor für die europäischen Low-Cost-Carrier geworden ist. Ryanair ist in

Italien mit Abstand Marktführer auf den Touristikrouten sowie im Inlandsverkehr.

Hier müsste Lufthansa gegen starke Konkurrenz antreten.

Ein nahezu freies Feld bietet dagegen die Langstrecke, auf der Ita eingebunden

in ein Netz von attraktiven Hub-Standorten wie Frankfurt, München, Wien und

Zürich erhebliche Wachstumschancen nutzen kann. Das gilt besonders für die

Geschäftsverkehre ab Rom und Mailand, wo die Ita attraktive Slots besitzt.

Als Kaufpreis wird italienischen Regierungskreisen zufolge eine breite Spanne

zwischen 700 Mill. und 1,4 Mrd. Euro aufgerufen. Für die Lufthansa dürfte die

Höhe einer Kapitalbeteiligung davon abhängen, dass hier eine moderate Bewertung

zustande kommt. Denn die erhoffte Gelegenheit kommt für die Airline nicht zu

allerbesten Zeitpunkt. Noch immer sind in der Pandemie turmhohe Verluste zu

finanzieren, so dass sich anderweitig erhebliche Mittelabflüsse verbieten. Nicht

zuletzt hat der Staat noch ein Wörtchen mitzureden, solange das Aktienpaket des

Bundes noch nicht den Besitzer gewechselt hat.

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